Schaan als Wiege der Liechtensteiner Fotografie
Das erste überlieferte Foto der Welt feiert dieses Jahr seinen 200. Geburtstag. Doch auch nach 1826 dauerte es noch Jahre, bis praxistaugliche Verfahren ab den 1840ern für den Siegeszug der Fotografie sorgten. In Liechtenstein dauerte es noch einiges länger, bis die Menschen sich ablichten liessen. Den Anfang machten zwei Schaaner, die Jahre danach in die Politik gingen.
Als der spätere Schaaner Vorsteher Jakob Wanger 1840 zur Welt kam, steckte auch die Fotografie noch in den Kinderschuhen. Verschiedene Systeme konkurrierten miteinander. Die Heliografie, die eine Belichtungszeit von mehreren Stunden erfordert hatte, war bereits von der Daguerreotypie abgelöst worden. Doch immerhin gebührte der Heliografie der Ruhm, mit «Blick aus dem Arbeitszimmer» 1826 für das erste bis heute erhaltene Foto gesorgt zu haben. Die Daguerreotypie hatte aber auch ihre Nachteile. Dazu gehörte, dass die Bilder nicht reproduziert werden konnten und die Fotografen aufgrund von Quecksilberdämpfen einem erheblichen Gesundheitsrisiko ausgesetzt waren. Ausserdem waren die Fotos recht teuer. So konnte sich ab 1852 auch die deutlich preiswertere Ambrotypie ihren Platz im Reigen der Fotografieverfahren sichern und die Daguerreotypie langsam verdrängen.
Zwei Jungen müssen stillhalten
Angefertigt wurden Bilder in den 1850er- und 1860er-Jahren in der Regel zunächst von Wanderfotografen, wie im Historischen Lexikon für das Fürstentum Liechtenstein zu lesen ist. Dort ist auch nachzulesen, dass ein gewisser Johann Fetzer 1867 in Bad Ragaz das älteste Fotogeschäft der Schweiz gründete – «mit bescheidenem Kundenkreis auch aus Liechtenstein. Von ihm ist bereits 1862 eine Hochzeitsfotografie eines Triesenberger Ehepaars bekannt, die wohl die älteste in Liechtenstein sein dürfte.» Die letzte Aussage könnte allerdings einer Überarbeitung bedürfen. Denn um 1855 posierte Jakob Wanger bereits mit seinem 1843 geborenen Cousin Julius Wanger für eine Ambrotypie. Dafür mussten sie zunächst stillhalten. Denn die Belichtungszeit bei einer Ambrotypie betrug in der Regel mehr als 20 Sekunden, manchmal sogar einige Minuten. 18 Jahre nach der Fotoprozedur, 1873, wurde Jakob zum Schaaner Gemeindevorsteher gewählt. 1880 tat Julius Wanger es ihm gleich. Damit dürften sie nicht nur die ersten beiden Liechtensteiner sein, die fotografisch festgehalten worden sind, sondern auch die ersten fotografierten Politiker des Landes.
Der erste Fotograf des Landes kam dann zwar nicht aus Schaan, sondern aus Vaduz. Es handelte sich um Theobald Kirchthaler (1850–1913), den Inhaber des Gasthauses Kirchthaler. Von ihm sind eine Dorfansicht seiner Heimatgemeinde und eine Aufnahme der Alp Sücka überliefert. Professionelle Familienfotos wurden allerdings im Ausland angefertigt. Neben dem Studio von Johann Fetzer machten sich diesbezüglich vor allem Friedrich Müller aus Buchs und Joseph Niggl aus Feldkirch einen Namen, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts einen beachtlichen Kundenkreis aus Liechtenstein hatten.
Gleich mehrere Schaaner Fotopioniere
Doch mit der Zeit kamen auch in Liechtenstein einige Männer auf die Idee, mit dem Fotografieren ein Auskommen zu finden. Der erste von ihnen war der 1896 in Stuttgart geborene Adolf Buck, der sich 1922 mit einem Fotogeschäft in Bregenz selbständig gemacht hatte. 1932 zog er nach Schaan und verlegte sein Unternehmen, das er um einen Postkartenverlag erweiterte, in die Bahnhofstrasse, wo er 1937 auch ein Fotolabor eröffnete. «Bucks zahlreiche Porträts, Hochzeitsbilder, Landschaftsaufnahmen und Fotoreportagen sowie seine Filmaufnahmen […] prägen als zeitgeschichtliche Dokumente das visuelle Kollektivgedächtnis in Liechtenstein», heisst es im Historischen Lexikon. Bezug nimmt der Text auf Ereignisse wie den Bau des Binnenkanals oder die Erbhuldigung für Fürst Franz Josef II. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Adolf Buck, der als Funktionär in der Ortsgruppe Liechtenstein der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei tätig gewesen war und zeitweilig wegen Spionageverdachts in französischer Haft gesessen hatte, aus Liechtenstein ausgewiesen.
Die so entstandene fotografische Lücke schloss sich bald wieder, als Peter Ospelt 1949 und Karl Steiger 1955 ihre jeweiligen Geschäfte eröffneten, die unter den Namen «Photo Peter» und «Pro Colora» rasch über die Gemeindegrenzen hinaus Bekanntheit erlangten. Beide machten sich als Porträtfotografen einen Namen, waren aber auch in der Anlassfotografie tätig. 1958 erhielten sie zudem Konkurrenz durch Walter Wachter. Der Schaaner war nach einer Teilnahme als Freiwilliger am Zweiten Weltkrieg nach Venezuela ausgewandert. Dort arbeitete er zunächst als angestellter Industriefotograf und war später selbständig für Firmen tätig, lichtete aber auch Land und Leute ab. 1958 kehrte er in seine Heimat zurück. Dort absolvierte Wachter, der sich sein Handwerk autodidaktisch beigebracht hatte, die Meisterprüfung im Bereich Fotografie und gründete das «Atelier Wachter» in Schaan. Er war daraufhin für verschiedene Industrieunternehmen in Liechtenstein und in der Schweiz als Fotograf tätig. Neben diesen Aufträgen interessierte er sich auch für Natur- und Kulturprojekte und fotografierte im Auftrag des Fürstenhauses Familienmitglieder sowie Gemälde. 1958 und 1960 veröffentlichte Walter Wachter seine Bildbände «Fürstentum Liechtenstein einmal anders» sowie «Land der Gegensätze Venezuela». Zahlreiche weitere Buchprojekte begleitete er fotografisch. «In seinem Schaffen konzentrierte sich Wachter auf das klassische, analoge Handwerk der Silberhalogenid-Fotografie. Sein bereits in Venezuela entwickelter fotografischer Stil zog sich durch jahrzehntelanges Werk, welches die fotografische Überlieferung in Liechtenstein zwischen den späten 1950er- und den 1990er-Jahren wesentlich mitprägte», heisst es im Historischen Lexikon weiter.
Walter Wachter war noch bis Mitte der 2000er-Jahre als Fotograf tätig, bevor er sich mit rund 80 Jahren zur Ruhe setzte. Da hatte die digitale Fotografie inzwischen ihren Siegeszug angetreten und war dabei, ihre Vorgängerverfahren zu verdrängen, wie es die Ambrotypie anderthalb Jahrhunderte zuvor mit der Daguerreotypie gemacht hatte und andere Techniken nach ihr mit der Ambrotypie. Doch ihr bleibt zumindest der Ruhm, für die erste Liechtensteiner Fotografie gesorgt zu haben – jedenfalls, bis ein noch älteres Bild auftaucht als das von Jakob und Julius Wanger.
Das Auftaktbild ist die älteste Fotografie Liechtensteins: Die Ambrotypie von 1855 zeigt die späteren Schaaner Gemeindevorsteher Jakob Wanger (1840–1915; links) und Julius Wanger (1843–1884) / Gemeindearchiv Schaan