Serie Waldgeflüster: Der Baummarder – akrobatisches Gelbkehlchen
Gäbe es eine Kletter-Meisterschaft unter den Tieren, stünde der Baummarder sicher auf dem Siegertreppchen! Der Edelmarder – wie er auch genannt wird – erklimmt Bäume mit Leichtigkeit. Das liegt auch daran, dass er stark an den Lebensraum Wald gebunden ist. Mehr über diesen Zirkus-Akrobaten erfahrt ihr im Interview.
Lieber Herr Baummarder, du bist so scheu, dass man dich kaum zu Gesicht bekommt. Erzähl uns doch etwas über dich.
Eigentlich ist es mir ganz recht, wenn ihr Menschen nicht allzu viel über mich wisst. Ich lebe gerne zurückgezogen im Wald und fühle mich dort pudelwohl. Allerdings gefällt mir der Spitzname, den ihr Zweibeiner mir gegeben habt: Gelbkehlchen. Denn mein sonst schönes, kastanienbraunes Fell ist an Kehle und Brust gelblich gefärbt – das ist schon ziemlich einzigartig und, wie ich finde, auch schick. Vor allem in Kombination mit meiner dunklen Schnauze. Ich wiege knapp zwei Kilo und bin über einen halben Meter lang. Hinzu kommt mein buschiger Schwanz, der noch einmal fast 30 Zentimeter misst. Den nutze ich vor allem beim Klettern, um das Gleichgewicht zu halten – ganz so, wie es auch die Eichhörnchen machen.
Kletterst du nur auf den Bäumen im Wald herum, oder auch an den Häusern der Menschen hoch?
Nein, um Himmels willen! In der Nähe der Menschen gefällt es mir überhaupt nicht. Dort trefft ihr höchstens meinen Cousin an – den Steinmarder, der sich in Siedlungen wohlfühlt und gerne auch mal Autokabel anknabbert. Er ist schuld daran, dass viele Menschen ein schlechtes Bild von uns haben. Das ist unfair, denn wir Baummarder leben ausschliesslich im Wald, auf den Bäumen – wobei uns sowohl Nadel- als auch Laubbäume recht sind. Die Abwechslung macht’s. Am liebsten mag ich Wälder mit unterschiedlich alten Bäumen. Zwischen den Zweigen der jungen kann ich mich gut verstecken, und in den Höhlen der alten finde ich kuschelige Schlafplätze. Ab und zu mache ich es mir auch in alten Eichhörnchen-Kobeln oder Krähennestern bequem. Hauptsache, mein Quartier ist weit weg von euch Menschen.
Und was frisst du so?
Also, erst einmal muss ich sagen, dass ich überhaupt nicht wählerisch bin, was mein Essen angeht. Ich fresse mehr oder weniger alles – von Insekten über Mäuse bis hin zu grösseren Tieren wie Eichhörnchen oder Hasen. Auch Vögel stehen auf meinem Speiseplan. Ich bin ein guter Jäger, da ich hervorragend klettern und blitzschnell von Baum zu Baum springen kann. Über vier Meter lege ich in der Luft zurück – cool, oder? Aber auch vegetarische Kost wie Beeren und Nüsse schmeckt mir. Daraus lege ich mir gern einen Wintervorrat an, damit ich in der kalten Jahreszeit genug zu fressen habe. In der Regel begebe ich mich abends auf Nahrungssuche und lege dabei fünf bis sieben Kilometer zurück. Nur wenn der Hunger ganz gross ist, gehe ich auch tagsüber auf die Jagd.
Gibt es auch eine Frau Baummarder?
Grundsätzlich sind wir Einzelgänger. Nur während der Paarungszeit treffen wir uns regelmässig mit den Marder-Damen. Beim Paarungsakt selbst geben wir uns viel Mühe, weshalb dieser schon einmal rund eine Stunde dauern kann. Danach heisst es warten. Bis die Jungen auf die Welt kommen, vergehen zwischen 249 und 286 Tagen. Unsere Weibchen sind also etwa gleich lange schwanger wie ihr Menschen. Das liegt daran, dass nach der Befruchtung erst einmal eine längere Keimruhe folgt. Während dieser steht die Entwicklung des Embryos still. Klingt ein wenig verrückt, ermöglicht es Frau Baummarder jedoch, die Kinder zum günstigsten Zeitpunkt – nämlich im Frühling – zur Welt zu bringen. Die durchschnittlich drei Jungen bleiben dann acht Wochen im Nest, bevor sie beginnen, die Welt zu erkunden. Danach lösen sie sich langsam von der Mutter, bis sie schliesslich ihre eigenen Wege gehen.
Und was wünschst du dir von uns Menschen?
Vor allem, dass ihr mich in Ruhe lasst und nicht stört. Ich bin nachtaktiv und sehr geräuschempfindlich. Menschen, die spät abends mit Stirnlampen im Wald unterwegs sind und dabei noch Lärm machen, bedeuten puren Stress für mich. Und zu alledem verscheuchen sie auch meine Jagdbeute. Aber ich muss zugeben: Manchmal habt ihr Zweibeiner auch eure guten Seiten. Ich freue mich immer über Baumpflanzaktionen und wenn Sorge zum Wald getragen wird. Da darf ich das Team vom Forstwerkhof auch mal loben – selbst, wenn mir das sonst in Bezug auf Menschen schwerfällt.
Grafik: Walser Grafik Est.

