«Seniorinnen und Senioren sollen wissen, dass sie nicht allein gelassen werden»
Niemand soll sich im Alter einsam fühlen. Dafür sorgt unter anderem das neue Angebot der «Aufsuchenden Sozialbegleitung», das Beatrice Derungs in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Schaan auf die Beine gestellt hat. Was genau hinter dem Konzept steckt, erklärt die Sozialbegleiterin im Interview.
1. Du hast das Konzept der «Aufsuchenden Sozialbegleitung» entwickelt, das der Schaaner Gemeinderat im Februar 2026 genehmigt hat und der Vereinsamung im Alter entgegenwirken soll. Wie ist die Idee für dieses Projekt entstanden?
Ursprünglich gelangte ich mit der Frage «Warum gibt es in Schaan für Seniorinnen und Senioren keinen Mittagstisch?» an den Vorsteher. Denn in anderen Gemeinden wird dieser angeboten. Inspiriert dazu hat mich mein Vater, der in seiner Wohngemeinde ein solches Angebot besucht hat. An ihm habe ich erlebt, wie er während der Isolationszeit zum Höhepunkt der Corona-Pandemie mehr und mehr vereinsamt ist. Er wohnt nicht in meiner Nähe, und so ist es für mich nicht möglich, mal kurz auf einen Kaffee vorbeizugehen. Doch wie wir wissen, erhöht Einsamkeit im Alter das Risiko für Demenz, Depressionen, weitere Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit. In Gesprächen mit Daniel Hilti und der Kommission für Gemeinwesenarbeit hat sich dann herauskristallisiert, dass es herausfordernd ist, an die Seniorinnen und Senioren zu gelangen, die allein wohnen, keine Angehörigen mehr haben oder bei denen diese weiter entfernt leben und die selten bis nie an einem der Gemeindeanlässe teilnehmen. Aus diesen Gesprächen und Überlegungen ist das Konzept der «Aufsuchenden Sozialbegleitung» entstanden.
2. Welche langfristigen Ziele verfolgt das Konzept?
Die alleinstehenden Seniorinnen und Senioren sollen wissen, dass sie nicht allein gelassen werden. Beim Angebot der «Aufsuchenden Sozialbegleitung» will ich gemeinsam mit ihnen schauen, welche Bedürfnisse sie haben und wo beziehungsweise bei welchen Anlaufstellen sich diese erfüllen lassen. Es gibt aktuell in Schaan bereits zahlreiche gute Angebote, doch manchmal braucht es jemanden, der hilft, den ersten Schritt zu machen. Und zuweilen sind es auch die Angehörigen, die froh sind über eine externe Kontaktaufnahme. Klar ist: Regelmässige soziale Kontakte wirken vorbeugend gegen kognitive Einschränkungen, und eine frühzeitige Intervention kann aufwendige Pflege- und Gesundheitseinsätze reduzieren.
3. Wie können Seniorinnen und Senioren von der «Aufsuchenden Sozialbegleitung» konkret profitieren
Damit die Seniorinnen und Senioren profitieren können, müssen wir uns erst kennenlernen und eine Vertrauensbasis schaffen. Dafür werde ich mir viel Zeit nehmen und vor allem gut zuhören! In einem zweiten Schritt werden wir dann zusammen eruieren, was die Bedürfnisse sind oder was den Menschen in ihrem Leben noch wichtig ist. Danach kann ich auf Angebote der Gemeinde Schaan und anderer Anbieter wie zum Beispiel des Seniorenbunds oder von «Senioren gemeinsam aktiv» – ein Präventionsprogramm unter anderem von Demenz Liechtenstein – hinweisen und versuchen, zu vermitteln. Auf Wunsch begleite ich auch jemanden zu einer dieser Anlaufstellen und helfe, «das Eis zu brechen». Weiter kann ich administrative Unterstützung bieten, beispielsweise betreffend Antragsstellungen für eine Prämienverbilligung für die Krankenkasse oder für Betreuungs- und Pflegegeld. Auch bei der Organisation von Terminen oder dem Ordnen von Belegen kann ich Hilfe leisten.
4. Wie stellst du den Kontakt zu den Menschen her? Da sich dein Angebot gezielt an zurückgezogen lebende Seniorinnen und Senioren mit wenig Sozialkontakten richtet, werden diese kaum den Treff am Lindarank besuchen.
Stimmt, trotzdem wird dies meine erste Anlaufstelle sein. Ich werde die Seniorinnen und Senioren, die den Treff am Lindarank besuchen, über das Angebot informieren. Eventuell benötigt ja bereits jemand administrative Unterstützung. Oder vielleicht kennen die Gäste andere Seniorinnen und Senioren, die alleinstehend sind und froh über Sozialbegleitung wären. Natürlich wird es auch einen Flyer mit allen nötigen Infos geben. Doch ich bin mir sicher, der Weg führt übers persönliche Gespräch. Zudem werde ich mich natürlich auch mit anderen Anbietern austauschen beziehungsweise mit ihnen zusammenarbeiten. Die «Aufsuchende Sozialbegleitung» will keine Konkurrenz sein, sondern ein ergänzendes Angebot. Sicher ist, dass erst durch persönliche Gespräche eine Vertrauensbasis entsteht. Diese wiederum öffnet den Weg für die Inanspruchnahme meines Angebots. Mir ist auch sehr wichtig, dass die Seniorinnen und Senioren selbst bestimmen, ob und wie weit sie sich unterstützen lassen wollen. Denn manchmal muss man auch akzeptieren, dass keine Unterstützung gewünscht ist.
5. Der Kontakt mit oft einsamen Menschen bringt sicher viele schöne, aber auch traurige Momente mit sich. Trägst du die Geschichten mit nach Hause? Oder kannst du dich gut davon abgrenzen?
Bei meinen bisherigen Tätigkeiten konnte ich mich gut abgrenzen. Zudem habe ich die Möglichkeit, schwierige Themen in der Supervision zu besprechen. Wie du sagst, es gibt traurige, aber auch sehr schöne Momente. Ich versuche, mit den Menschen möglichst viele schöne Momente zu erleben – und, wenn es trotzdem traurig wird oder ist, für sie da zu sein.
Das Angebot der «Aufsuchenden Sozialbegleitung» kann ab 1. April 2026 in Anspruch genommen werden.
Kontakt:
Sozialbegleitung Beatrice Derungs
Tel. +423 782 55 63
Mail:
Foto: Michael Zanghellini