Don Camillo und Peppone in Schaan
SchaanGschecht gibt in unregelmässigen Abständen Einblicke in die politische Arbeit des späten 20. und frühen 19. Jahrhunderts. Dieses Mal handelt der Einblick von einem Pfarrer und einem Gemeindevorsteher, die sich gegenseitig beweisen wollten, wer in Sachen Heuernte am Sonntag am längeren Hebel sitzt.
Die Landwirtschaft dominierte das Leben der Menschen in Liechtenstein in den 1910er-Jahren. Sie sicherte die irdische Existenz, während der Blick der meisten Einwohner schon auf das Jenseits gerichtet war. Eine entsprechend wichtige Rolle nahm neben der Landwirtschaft die Religion ein, repräsentiert durch den Pfarrer. In Schaan hatte Franz Joseph Büchel, 1877 in Gamprin geboren, dieses Amt seit 1910 inne. Damit kam ihm neben vielem anderen die althergebrachte Aufgabe zu, Sonntagsarbeit auf dem Feld zu gestatten, wenn die Witterung erahnen liess, dass es nötig war, um die Ernte rechtzeitig einzubringen. Doch mit Vorsteher Friedrich Walser, im Amt von 1909 bis 1912 und von 1915 bis 1918, hatte er diesbezüglich das Heu sprichwörtlich nicht immer auf derselben Bühne.
Pfarrer und Vorsteher statuieren je ein Exempel
Darauf lässt zumindest ein Schreiben Walsers an «das hochwürdige Pfarramt» vom 15. Juni 1915 schliessen. In diesem Brief heisst es: «Wie euer Hochwürden bekannt, bin ich Sonntag den 6. d. M. morgens im Pfarrhofe vorgesprochen & habe um die Verkündigung der Bewilligung zum Heuen angesucht. Euer Hochwürden waren zwar etwas ungehalten, dass die Heuerei am Sonntag heute schon angehe, machten aber auch keine Andeutung, dass diese Bewilligung nicht erteilt werde.» Walser ging also davon aus, dass der Heuernte nichts im Weg steht und der Pfarrer sein Okay von der Kanzel aus geben werde. Dass diese Einwilligung ausblieb, haben die Kirchgänger, unter denen sich ohnehin fast die ganze Dorfbevölkerung befand, selbstverständlich mitbekommen, und sie hätten sich wohl auch ohne grosses Murren an die Sonntagsruhe gehalten. Das Problem waren die Nachbarn in Buchs. Walser schreibt also weiter: «Da ich das hiesige [österreichische] Zollamt [an der Rheinbrücke] wegen der Schweizer, die in Schaan Boden haben, jedes Mal von der Bewilligung zum Heuen verständigen muss & und die Finanzpatrulle zum Zollamt schon morgens von hier weggeht, schickte ich auch an das Zollamt den Bericht, dass das Heuen erlaubt sei.» Das brachte den obersten Gemeindepolitiker in Bedrängnis. Denn die Schweizer – grossteils auch noch Protestaten – waren auf Schaaner Hoheitsgebiet am Heuen, während die Einheimischen in die Röhre schauten.
Friedrich Walser zog seine Konsequenzen: «Ueber diesen Vorgang hinab hatte der Gefertigte keine Lust, am letzten Sonntag wieder beim Pfarramt um die Verkündigung der Bewilligung zum Heuen anzusuchen, sondern er fand es für sicherer, diese Bewilligung selbst zu erteilen.» Dazu berief er sich auf den entsprechenden Paragrafen des Gemeindegesetzes, der ihm die «Ortspolizei» übertrug. Dann wurde Walser deutlich und – für die damaligen Verhältnisse – dem Pfarrer gegenüber recht sarkastisch: «Sollte Euer Hochwürden jedoch für künftighin Wert darauf legen, dass die Bewilligung zum Heuen über Einschreiten des Vorstehers wieder von der Kanzel verkündet wird, so hat der Gefertigte selbstverständlich nichts dagegen, er behält sich jedoch vor, für den Fall, [dass] diese Bewilligung im einzelnen Fall nicht verkündet würde, dieselbe selbst zu erteilen & bekannt zu geben.»
Die Hühner sind los und beschäftigen das Landgericht
Wie sich die Sache in der Folge entwickelt hat, ist nicht ohne Weiteres zu eruieren. Doch Vorsteher Walser hatte am Sonntag, den 13. Juni, gezeigt, wer am längeren irdischen Hebel sitzt. So ist es zumindest naheliegend, dass Pfarrer Büchel den gesichtswahrenden Ausweg wählte, den der Vorsteher ihm gelassen hat. Ob sich Friedrich Walser über ein Schreiben des Fürstlichen Landgerichts freute, das ihn am 22. August 1917 erreicht hat, muss Spekulation bleiben. Doch es ist zumindest vorstellbar, dass er das Folgende nicht ohne Genugtuung gelesen hat: «Auf […] Anzeige vom 16. August dieses Jahres ergeht die Mitteilung, dass Herr Pfarrer Büchel nunmehr bereits das zweite Mal wegen Nichteinsperrens seiner Hühner bestraft wurde.»
Weitere Querelen zwischen Vorsteher Friedrich Walser und Pfarrer Franz Joseph Büchel sind bisher nicht bekannt. Somit ist es nur ein leiser Verdacht, dass die beiden als Vorbilder für die «Don Camillo und Peppone»-Reihe mit Fernandel und Gino Cervi in den Hauptrollen gedienten haben. Sollten aber weitere Dokumente auftauchen, die diesen Verdacht erhärten, wird SchaanGschecht selbstverständlich darüber berichten.
Titelbild: Gemeindearchiv Schaan, Fotograf unbekannt
Quellen:
Gemeindearchiv Schaan: A 4/331 und A 5/454
