Jahrmarkt 1926: Neidische Nachbarn, ausgeschlossene Schweizer
2026 feiert der Schaaner Jahrmarkt sein 100-jähriges Bestehen. Das eigentliche Jubiläum wäre zwar erst im November, doch im Lauf seiner Geschichte hat sich der Anlass stark gewandelt. Eine Auswirkung ist das Datum im Frühling. Andere werden bei einer Presseschau zu seinen Ursprüngen deutlich. Damals erhitzte der Anlass die Gemüter weit mehr als heute.
Eine Presseschau im «Liechtensteiner Volksblatt» des Jahres 1926 lässt in Bezug auf den Schaaner Jahrmarkt tief blicken. Wie es zunächst einmal scheint, war er aus einer gewissen Not geboren. Denn am 20. Oktober, wenige Wochen vor der ersten Austragung am 15. November, war in einer Zuschrift das Folgende zu lesen: «Schon zum zweitenmal wurde in Bendern Viehmarkt abgehalten und beidemal hieß es bei dessen Ausschreibung: Gestattet ist nur der Auftrieb von Vieh aus dem liechtensteinischen Unterlande. Auf Schweizermärkte darf aus allen liechtensteinischen Gemeinden außer Balzers und Triesen [kein] Vieh aufgetrieben werden und Schaan soll, nachdem in Vaduz die Märkte vorläufig nicht gehalten werden, mit seinem Vieh nicht nach Bendern auf den Markt dürfen. Muß Schaan sich vielleicht selbst für einen Markt verwenden?» Ein eigener Jahrmarkt war also sicher kein Nachteil. Doch der Verfasser dürfte offene Türen eingerannt haben. Jedenfalls ist davon auszugehen, dass die Vorbereitungen dreieinhalb Wochen vor der ersten Auflage schon liefen. Denn am 28. Oktober 1926 beschäftigte sich der Schaaner Gemeinderat mit der Eingabe eines Komitees zur Durchführung des Markts.
Einkaufstourismus im Stil der 1920er-Jahre
Neben der Möglichkeit, das eigene Vieh überhaupt präsentieren zu können, ging es aber auch generell um die Chance, einen wirtschaftlichen Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu generieren, insbesondere gegenüber der ausländischen Konkurrenz. Denn Einkaufstourismus scheint kein neuzeitliches Phänomen zu sein. Das lässt zumindest eine weitere Leserzuschrift aus dem «Volksblatt», dieses Mal vom 10. November 1926, vermuten. Der Markt sei «wieder ein Bestreben, das liechtensteinische Gewerbe zu heben und das Geschäft dem eigenen Lande zu wahren. […] Bekanntlich kauft man bei uns vielmehr auswärts und vernachlässigt unsere Kaufleute. Solange dies deshalb geschieht, weil es auswärts billiger ist, ist es zu verstehen. Nicht zu begreifen aber sind die Einkäufe, die einzig aus Sucht nach etwas Fremden oft um teures Geld abgeschlossen werden.»
Eine andere Zuschrift in derselben Zeitungsausgabe gab einen Einblick in die organisatorischen Hintergründe des ersten Jahrmarkts: «Eine rührige Gruppe Schaaner Bauern und Geschäftsleute hat sich die Frage gestellt, ob es nicht möglich wäre, einen Jahrmarkt in Schaan durchzuführen. Der Gedanke war nicht neu. War es doch längst der Wunsch in Schaan, dank seiner zentralen Lage an der Bahn, Märkte abzuhalten. […] Heute ist man soweit, daß die großen Vorarbeiten durchgeführt sind. Die Gemeindevertretung hat in ihrem fortschrittlichen Sinne die Sache begünstigt und unterstützt. Somit wird es am Kilbimontag ein reges Leben geben.» Gross- und Kleinvieh, Produkte der Land- und Milchwirtschaft, des Obstbaus «und was die Bauern alles Gute erzeugt haben», sollten feilgeboten werden. «Publikum von nah und fern, vergiß nicht, am Kilbimontag den Markt zu besuchen. […] Komme ein jeder und sehe! Heiße Marroni […] gibt es ganz bestimmt.»
Verständlich oder befremdlich?
Die heissen Marroni sollten allerdings noch für ebensolche Köpfe sorgen. Denn einen eigenen Marroni-Verkäufer hatte Liechtenstein damals offenbar noch nicht, doch auf die Köstlichkeit verzichten wollte auch niemand. So durften Schweizer sprichwörtlich die Kastanien aus dem Feuer holen. Sie sollten als ausländische Gewerbetreibende aber ziemlich einsam sein. Denn der Liechtensteiner Gewerbeverband hatte von der Regierung gefordert, «keine Bewilligungen für nichtliechtensteinische Marktfahrer aus dem Auslande für den Markt in Schaan zu erteilen; ausgenommen von dem Verbote sollen sein: Maronibrater und Beisteller des Vergnügungsparkes». Und die Regierung war diesem Wunsch nachgekommen.
Als der Jahrmarkt vorbei war, waren die Einsendungen im «Volksblatt» dann zwar einerseits voll des Lobes wie am 20. November, als von einem «in jeder Hinsicht sehr befriedigenden» Anlass die Rede war, von «einer überraschend grossen Anzahl Käufer und Verkäufer» und auch von einem «imposanten Bild». Doch Kritik wurde ebenfalls laut: «Sehr befremdend wurde allerdings hier und in der benachbarten Schweiz die Stellungnahme des liecht. Gewerbeverbandes aufgenommen, wonach der fürstl. Regierung beantragt wurde, aus der Schweiz nur Maronibrater zum Markte zuzulassen. Ein Beschluß in dieser Form von einem liecht. Gewerbeverband mit seinem für den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes bestimmten Sekretariate muß immerhin bedauert werden und trägt derselbe für ein gutes Einvernehmen mit unsern Freunden jenseits des Rheins wenig bei.»
Protektionismus vs. offene Grenzen
Auf diese Einsendung entwickelte sich ein Pingpong zwischen dem Gewerbeverband und dem anonymen Verfasser der Kritik. «Soo! Befremden findet der Einsender die Bestrebungen des hierländischen Gewerbeverbandes, seine Mitglieder wie das inländische Gewerbe überhaupt vor erdrückender Konkurrenz zu schützen? In der Tat eine eigenartige Auffassung! Jener Beschluß des Gewerbeverbandes wurde gewiß nicht leichthin und übereilt gefaßt. […] Also sollte man von besonnenen Landsleuten heute wahrlich mehr Verständnis für jene Stellungnahme des Verbandes wie ganz besonders für die Lage und Bedürfnisse unseres Gewerbestandes überhaupt erwarten dürfen. Ist bei jenem Marktanlaß nicht sonst genug gutes Geld zum Land hinaus gewandert? Auch der fürstlichen Regierung muß der unbeschränkte Zulaß fremder Konkurrenz bedenklich vorgekommen sein, sonst hätte sie den ganzen Kram ohne weiteres bewilligen können», schrieb «Gewerbe-Präsident Ospelt» am 24. November.
Der anonyme Konterpart entgegnete wiederum: Es «muß das langgezogene ‹Soo› mit einem ebensolchen ‹Ahaaa!› beantwortet werden. Ist es denn dem Gewerbeverband fremd, daß sich die Bevölkerung Liechtensteins nicht nur aus Gewerbetreibenden zusammensetzt, sondern auch aus Landwirtschaftstreibenden, die froh sind, ihre Produkte in der Schweiz absetzen zu können, und auch aus Arbeitern, denen die Vorteile eines gemeinsamen Wirtschaftsgebietes mit der Schweiz zugute kommen sollen. Ist es dem liechtensteinischen Gewerbeverband fremd, daß auch viele unserer Handelsleute die Märkte der benachbarten Schweiz regelmäßig befahren?» Letztlich erübrigten sich die Diskussionen aber vorläufig, da 1927 aufgrund des Rheineinbruchs im September und 1928 aufgrund einer Viehseuche keine Jahrmärkte stattfinden konnten.
«Zur Strafe nüchtern heim»
Und auch in einer anderen Frage beruhigten sich die Gemüter wieder. Zuvor war die Stimmung jedoch so hochgekocht, dass selbst die «Werdenberger Nachrichten» nicht über den Ausschluss der Schweizer Händler berichteten, sondern über ein anderes Thema, nämlich die Bewerbung des Jahrmarkts. Das Blatt hatte vermeldet: «Eine sonderbare Haltung nehmen die liechtensteinischen Zeitungen ein, indem sie einen von der fürstl. Regierung bewilligten Warenmarkt in Schaan nicht publizieren. Man ist der Meinung, daß hier der Oertligeist die Hand im Spiele hat.»
Das «Volksblatt» stellte am 6. November 1926 klar: «Die liechtensteinischen Zeitungen legen dem Schaaner Marktunternehmen gewiß nichts in den Weg, sie sind ihm als Freunde schöner, der dummen Arbeit enthebender Feiertage im Gegenteil recht freundlich gesinnt. Aber wie man hört, wollten die schlauen Schaaner dem von der fürstlichen Regierung bewilligten ‹Vieh- und Warenmarkt in Schaan› eine weitere klangvolle nationale Bezeichnung geben. Das habe den Vaduzern zu denken gegeben und schließlich sei auch die fürstliche Regierung darauf aufmerksam geworden, die dann den Schaanern jene Bezeichnung glattweg verboten habe. Da sich diese hinwieder ein solches Verbot nicht gefallen lassen wollten, sei auf ihre eigenen Direktive die Publikation der nach ihrer Meinung verstümmelten Anzeige unterblieben.» Es dürfte sich bei der beanstandeten Namensgebung angesichts der Kreise, die sie zog, also um einen hoheitlichen Begriff wie «liechtensteinischer Jahrmarkt» gehandelt haben, der den Vaduzern in den falschen Hals gekommen ist. Das «Volksblatt» versuchte zu schlichten, indem es zu einer nicht ganz ernst gemeinten Drohung griff: Komme bis zum Markttag kein «Friedensschluss» zustande, müssten die Vaduzer «dann zur Strafe nüchtern heim».
Diese Drohung fruchtete, und der Friede trat sogar schon früher ein. Denn zwei Tage vor dem Jahrmarkt war im «Volksblatt» zu lesen. «Sogar die Vaduzer dürfen den Besuch des Kilbijahrmarktes nun herzhaft wagen, nachdem die Schaaner nun wieder ganz lieb und vernünftig geworden sind und sogar schon wieder über ihren hohen Turm hinaus sehen sollen. Ja, sie sollen sich sogar vorgenommen haben, die Vaduzer extra flott zu bedienen und zu bewirten, damit diese ja nicht am ungerupften Geldbeutel schwer über die Rüfe heimzutragen haben, sondern womöglich an etwas anderem, was ich diskret verschweigen will.»
Manches ändert sich, anderes bleibt gleich
100 Jahre nach dem ersten Jahrmarkt haben sich das Datum, die angebotenen Waren und die Vergnügungsbahnen zwar geändert. Gleichgeblieben sind aber der Fokus auf die Geselligkeit und die Anziehungskraft des Anlasses – wovon sich die Gäste und Marktfahrer am 16. und 17. Mai überzeugen dürfen – ob sie nun aus Vaduz, der Schweiz oder von wo auch immer kommen.
Titelbild: Beim ersten Schaaner Jahrmarkt im November 1926 zog der Viehmarkt vor der Kirche St. Peter zahlreiche Käufer und Verkäufer an. (Bild: Gemeindearchiv Schaan, BSg 8/169, Fotograf: Paul Marxer, Schaan)