Von Luxuszügen über das Buchser Bähnle zur S-Bahn
Seit Mitte Juni sind die Arbeiten an der ÖBB-Trasse kaum zu übersehen. Sie dauern noch bis Mitte Oktober 2026 an und sorgen für gewisse Einschränkungen beim motorisierten Verkehr. Doch verglichen mit den Arbeiten zu Beginn der 1870er-Jahre sind sie eine Kleinigkeit. Zuvor hatte sich Liechtenstein stark für seinen Anschluss ans Bahnnetz engagiert und später zusammen mit den ÖBB immer wieder in die Infrastruktur investiert.
In den späten 1850er-Jahren setzte ein Projekt für eine Bahnlinie in Vorarlberg auch in Liechtenstein wirtschaftlich motivierte Bemühungen um einen Anschluss an das Eisenbahnnetz in Gang. Ins Auge gefasst wurde eine das ganze Land durchquerende Bahnlinie. 1865 vereinbarte Österreich jedoch mit der Schweiz, nördlich von Liechtenstein zwischen der geplanten österreichischen Bahnlinie und der 1858 eröffneten Schweizer Rheintalbahn eine von Feldkirch nach Rüthi führende Verbindungsstrecke zu errichten. Die Liechtensteiner Regierung, Gemeinden und ein Eisenbahn-Komitee setzten sich für eine über liechtensteinisches Staatsgebiet führende Verbindungsstrecke ein. Nach der Schaffung eines Eisenbahn-Unterstützungsgesetzes im Jahr 1868 einigten sich Österreich und Liechtenstein im Einvernehmen mit der Schweiz auf eine Streckenführung von Feldkirch durch Liechtenstein über Schaan nach Buchs. Diese Bahnlinie mit einer Länge von 17,992 Kilometern, davon in Liechtenstein 8,96 Kilometer, wurde am 14. Januar 1870 bewilligt. Für den Bau der Anschlüsse nach Bayern und in die Schweiz wurde nach eingehenden Verhandlungen am 27. August 1870 ein Staatsvertrag zwischen den Regierungen von Österreich, Bayern und der Schweiz abgeschlossen.
1500 Arbeiter bauen die Verbindung
Mit den Bauarbeiten an der Bahnlinie Feldkirch–Buchs wurde im Herbst 1870 begonnen, wobei die Bauunternehmung im ganzen Bereich mehr als 1500 Arbeiter und Handwerker beschäftigte. Die Finanzierung der Vorarlberger Bahn erfolgte über Aktien und anderen Anteilsscheine mit einem Gesamtwert von knapp 13,4 Millionen Gulden – nach heutiger Kaufkraft rund 200 Millionen Franken. Im Protokoll der ersten ordentlichen Generalversammlung der Aktionäre der k.k. privilegierten Vorarlberger Bahn heisst es zum Streckenabschnitt auf dem Gebiet Liechtensteins: «In diesem in dem oberen Rheintal gelegenen Lande führt die Bahn längs der Poststrasse an dem schwach abfallenden Gehänge, teils über feste, teils über sumpfige Gründe bei Nendeln vorüber nach Schaan, wendet sich da selbst, die südliche Richtung verlassend, scharf nach Westen und erreicht in kurzer Distanz den Rhein. Diesen Strom, mit einer 189,66 Meter langen Brücke überschreitend, gelangt die Bahn auf Schweizer Gebiet und schliesst mittels einer nach Norden sich wendenden Kurve in der Station Buchs an die Vereinigten Schweizerbahnen an.» Das erwähnte sumpfige Gelände zwischen Nendeln und Schaan erforderte zur Konsolidierung des Bahndamms grössere Mengen Schottermaterial, das aus den längs der Berglehne vorhandenen Schuttkegeln gewonnen wurde. Auf liechtensteinischem Gebiet übernahm der im Eisenbahnbau erfahrene Ingenieur Peter Rheinberger (1831–1893) die technische Aufsicht.
Wegbereiter für die Industrialisierung
Nach Abschluss der Arbeiten an der Bahntrasse und an den Bahnhofsgebäuden in Nendeln und Schaan begann am 24. Oktober 1872 mit der Eröffnung der Linie das Eisenbahnzeitalter in Liechtenstein. Vorerst kamen dampfbetriebene Lokomotiven zum Einsatz. Die Strecke auf Liechtensteiner Gebiet – in der Mitte zwischen den Metropolen Wien und Paris gelegen – verband die Wirtschaftszentren der Donaumonarchie mit jenen der Schweiz und Frankreichs. Im ersten vollständigen Betriebsjahr 1873 verzeichnete die Station Schaan-Vaduz 3696 Reisende und 6847 Zentner Güterverkehr. Der Eisenbahnanschluss hatte damit auch tiefgreifende Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung der bis dahin landwirtschaftlich geprägten Gemeinde Schaan und des Landes. Er kann als Wegbereiter für den Fremdenverkehr und die Industrialisierung des 20. Jahrhunderts betrachtet werden. 1926 wurde die Strecke elektrifiziert.
Der Liechtensteiner Hauptbahnhof
Die Bahnhofsbauten der Vorarlberger Bahn stammen aus der Zeit des altösterreichischen Eisenbahnhochbaus und folgten einem einheitlichen Typenplan. Das gemauerte Aufnahmegebäude des Bahnhofs Schaan-Vaduz, errichtet in den Jahren 1870 bis 1872, besteht aus einem Mittelbau und beidseitig symmetrisch angeordneten Seitenflügeln. Über den im Erdgeschoss untergebrachten Räumen, also Dienst- und Warteraum sowie Eingangshalle, befand sich im ersten Stock eine Dienstwohnung.
Der Schaaner Bahnhof erlebte in der Hochblüte des Eisenbahnverkehrs als Schnellzugstation seinen Höhepunkt seiner Bedeutung. Luxuszüge hielten im liechtensteinischen «Hauptbahnhof» und brachten manch hohen Besuch ins Land. In diesem Zusammenhang benötigte die Station zusätzliches Personal, für das die entsprechenden Räumlichkeiten einschliesslich Wohnraum bereitgestellt werden mussten. Die k.k. Staatsbahnen vergrösserten daher um 1890 durch Aufstockung die Bausubstanz des Aufnahmegebäudes. Mit dem Anschluss Liechtensteins an das schweizerische Zollgebiet im Jahr 1924 wurde in den Jahren 1926/27 zudem ein erdgeschossiger Anbau beim Stationsgebäude errichtet, der bis Ende 1986 als Zollamtsgebäude diente. Abgesetzt vom Hauptgebäude entstand beim Bau der Stationsanlage für den Güterumschlag zusätzlich ein grosses Frachtenmagazin, das in Holzbauweise errichtet wurde. Der Rheineinbruch bei der Eisenbahnbrücke vom 27. September 1927 zog das Bahnhofareal stark in Mitleidenschaft und führte zu einem mehrwöchigen Unterbruch des Bahnbetriebs.
Der langsame Bedeutungsverlust der Bahn
In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hatte vor allem das «Buchser Bähnle», also der Personennahverkehr, noch einen grossen Wert für die Schaaner Bevölkerung, die ihre Einkaufsfahrten mit ihm bewältigte, und für Grenzgänger. Mit der Zunahme des Individualverkehrs verlor es aber an Bedeutung. Fernverkehrszüge hielten ebenfalls nicht mehr in Schaan, und für den Güterverkehr hatte der Bahnhof seine Funktion eingebüsst. 1986 wurde der Bahnhof Schaan-Vaduz in eine unbesetzte Haltestelle umgewandelt und der Schrankenbetrieb automatisiert. Das hatte wohl nicht zuletzt sicherheitsrelevante Gründe, wie sich aus einer Aussage von Werner Niedhart schliessen lässt. Er war langjähriger Mitarbeiter der ÖBB und rund 35 Jahre im Bahnhofsgebäude wohnhaft. «Bis zur Automatisierung 1986 habe ich [während des Dienstes] die Bedienung der Stellwerke und Schranken übernommen. […] Wir hatten im Bahnhofsgebäude eine Vorrichtung. Über einen Drahtzug und Kurbeln wurden alle Schranken in Schaan bedient. Wenn ich zurückdenke, schaudert es mich heute noch. Das System war nicht ausgereift, sondern brandgefährlich. […] Insbesondere die Lokomotiven, jene ohne Waggons, die ausserplanmässig gefahren sind. Sie brauchten von Buchs bis Schaan zwei Minuten. Manchmal wurde uns das erst gemeldet, wenn sie schon unterwegs waren. Und das Herunterkurbeln der manuell betriebenen Schranken dauerte auch jeweils noch 30 Sekunden. Da ist im Lauf der Jahre manche Lok bei offenen Schranken durch das Dorf gefahren. Dass nie etwas passiert ist, ist ein Wunder, für das ich sehr dankbar bin.»
2011, als der Bahnhof modernisiert wurde, musste Werner Niedhart seine Wohnung verlassen. Die Dienstwohnung wurde aufgelöst. 2019 erfolgte die schliessliche Unterschutzstellung und in deren Folge eine denkmalgerechte Sanierung von Bahnhofsgebäude und Frachtenmagazin, die bis ins Jahr 2021 dauerte. Nun läuft 2026 mit der Sanierung der Brücken, die durch den Personennahverkehr mit der S-Bahn und den Fernverkehr für Personen und Güter stark beansprucht sind, und der Bahnübergänge durch die ÖBB der nächste grosse Arbeitsschritt in 154 Jahren Liechtensteiner Bahngeschichte.
Titelbild: Der Schaaner Bahnhof zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammen mit drei Bediensteten aus Schaan. Der zweite von links ist Bahnmeister Gottlieb Hilti, die beiden Personen ganz rechts sind die Bahnwärter Michael Beck und Jakob Hilti (2. v. r.). (Gemeindearchiv Schaan, Fotograf: Friedrich Müller, Buchs)