Lehrlingsausbildung: Wirtschaftshilfe aus Österreich
Im bäuerliche geprägten Liechtenstein waren Handwerk und Gewerbe lange Zeit nur ein Nebenerwerb. Es dauerte bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, bis sich dies ändern sollte. Noch etwas länger dauerte es, bis sich auch die Berufsbildung institutionalisierte. Dazu beigetragen haben Pioniere wie Wilhelm Büchel und Carl Walser.
In seiner berühmt-berüchtigten Landesbeschreibung von 1815 merkte Landvogt Josef Schuppler an, dass qualifizierte Lehrmeister in Liechtenstein fehlen. Manufacturen oder auf auswärtigen Absatz berechnete Gewerbe giebt es im Land gar keine. Der Handwerksmann ist nur auf den Verdienst, den er sich im Lande erwirbt, beschränkt, und weil dieser äusserst unbedeutend ist, so kann sich auch der Gewerbsmann blos mit seinem Handwerke nicht durchbringen, muss sich mehr auf den Feldbau verlegen und sieht jenes als eine Nebensache an. Darinn liegt der Grund, dass die hierländigen Professionisten nur bei den oberflächigen nothwenigsten Kenntnissen stehen bleiben, und sich keineswegs durch Wandern, oder Arbeiten in besseren Werkstätten zu ordentlichen Meistern qualificiren. Sie sind im eigentlichen Sinne nur Pfuscher, und können nicht blos wegen Mangel an Kenntnissen, sondern auch Mangel an Arbeit nicht einmal Lehrjungen aufnehmen.»
Drei Schaaner in der Habsburgermetropole
Eine Ausnahme in Sachen Berufsbildung «war wohl, dass 1793, vermittelt von Fürst Alois I. von Liechtenstein, drei Schaaner in Wien eine Berufsbildung antreten konnten» heisst es im Historischen Lexikon für das Fürstentum Liechtenstein. Vorangegangen war eine Bittschrift von zwölf Schaaner Bürgern, der Fürst möge ihren Kindern eine solche Ausbildung erlauben, berichtete das «Volksblatt» in seiner Ausgabe vom 25. Juni 1975 in einem Artikel mit dem Titel «Vom ‹Pfuscher› zum Handwerker». Demnach übernahm Alois I. sämtliche Ausbildungskosten. 1795 wurde wieder einem jungen Liechtensteiner die Gelegenheit zu einer Lehre geboten. 1802 vermittelte die Hofkanzlei nochmals zwei jungen Männern eine Lehrstelle im Schreinergewerbe, diesmal allerdings nur noch widerwillig. «Aus den Akten lässt sich ersehen, dass wahrscheinlich keiner die Lehre beendigte oder zu einem besonders tüchtigen Handwerker heranwuchs. Die an die einfachen liechtensteinischen Verhältnisse gewöhnten Burschen fanden sich offensichtlich im weltmännischen Wien nicht zurecht.» Das Experiment Berufsbildung war vorerst gescheitert.
Erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts bemühte sich der Staat um bessere Vorbereitungen auf den Beruf – zwar noch in einfachem Rahmen, aber wenigstens systematisch. Beispielsweise handelte es sich dabei um Abendklassen für junge Handwerker und Landarbeiter. Auch die Sonntagsschule im Anschluss an die obligatorische Schulzeit widmete sich ähnlichen Inhalten, wie im Historische Lexikon weiter ausgeführt ist. Im 20. Jahrhundert wurden Weiterbildungskurse, zum Beispiel im Technischen Zeichnen, häufiger. 1925 entstand unter der Führung der Wirtschaftskammer sogar eine Lehrlingskommission, die Stellen vermittelte, Verträge beglaubigte und Prüfungen abnahm. Doch mit dem heutigen dualen System war dies alles noch nicht vergleichbar.
Von den Hermann-Göring-Werken zu den VÖEST
Für das Jahr 1940 nennt das Historische Lexikon landesweit 76 Lehrlinge, darunter sechs weibliche. 1950 waren es bereits 182, darunter acht junge Frauen. 1950 begann auch Carl Walser seine Lehre in der Vereinigten Österreichischen Eisen- und Stahlwerke AG (VÖEST) im oberösterreichischen Linz. Sie waren hervorgegangen aus der Reichswerke Aktiengesellschaft für Erzbergbau und Eisenhütten «Hermann Göring», damals verkürzt auch Hermann-Göring-Werke genannt. Göring stand zu jener Zeit an der Spitze des NS-deutschen Wirtschaftsministeriums und liess die Werke ab Mai 1938 bauen – vor allem zu Rüstungszwecken. Für die Arbeitskräfte, in erster Linie Gast- und Zwangsarbeiter sowie Lagerinsassen, entstanden riesige Barackenlager.
Am 5. Mai 1945 wurde Linz von US-Truppen besetzt, die Werke wurden beschlagnahmt. Noch im gleichen Jahr erfolgten die Umbenennung in VÖEST und erste Reparaturen der Kriegsschäden. «Der eigentliche Wiederaufbau und Ausbau der Werke in vollem Umfang beginnt aber erst nach der Übergabe der VÖEST durch den kommandierenden US-General Mark W. Clark zur treuhändigen Verwaltung an die Republik Österreich am 16. Juli 1946. Die VÖEST wird am 26. Juli 1946 verstaatlicht», ist auf der Website der heutigen «voestalpine» nachzulesen. Und weiter: «1947 wird der erste Hochofen nach Ende des Krieges wieder angeblasen.» 1948 dann «beginnt ein Expansionskurs mit Fremdkapital, das vom US-Marshallplan, der dem Wiederaufbau Westeuropas dient, bereitgestellt wird. Damals erwägen die USA eine Reprivatisierung der VÖEST unter finanzieller Beteiligung der alliierten Staaten. Am 8. April 1949 erklären die drei Westmächte, nach Abschluss eines Staatsvertrages mit Österreich auf das ‹deutsche Eigentum› verzichten zu wollen.»
Das Erfolgsrezept der VÖEST
«In der frühen Geschichte der VÖEST hat nichts das Image mehr geprägt und den Werdegang des Unternehmens mehr bestimmt als die Entwicklung des LD-Verfahrens (Linz-Donawitz-Sauerstoffaufblasverfahren). Mit dieser Innovation wurde die Grundlage für eine international konkurrenzfähige österreichische Eisen- und Stahlindustrie geschaffen», heisst es in der Firmenhistorie weiter. «Nach langen Vorarbeiten im In- und Ausland gelingt Wissenschaftlern in Linz der Durchbruch. Die erfolgreichen Versuchsreihen führen im Dezember 1949 zum Beschluss, das erste LD-Stahlwerk der Welt in Linz zu errichten.» In diese Zeit fällt auf Vermittlung des Auslandsliechtensteiner Wilhelm Büchel (1902–1954) auch der Lehrbeginn der Liechtensteiner Auszubildenden in Linz. Rund 50 sollten es werden, die anschliessend entscheidend dazu beitrugen, Liechtensteins Industrie und Berufsbildung fit für die Zukunft zu machen und die sich wesentlich besser schlugen als ihre Vorgänger in Wien an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert.
Titelbild: Privatarchiv Carl und Cornelia Walser. Es zeigt Carl Walser links von seinem Vater Karl zusammen mit seinen Geschwistern Elfrieda und Heinrich sowie Mutter Resi.
Literatur:
- Bleyle, Annette: Berufsbildung. In: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein. Vaduz, Zürich, 2013. S. 90f.
- Liechtensteiner Volksblatt