Eine Hau-Ruck-Aktion – und weg war der Glockenturm
Die Kirche St. Peter in Schaan hat eine genauso lange wie bewegte Geschichte. Ihr Gesicht hat sie im Lauf der Jahrhunderte mehrfach verändert. Die letzte einschneidende Veränderung erfolgte Anfang der 1960er-Jahre. Dazu, wie die Arbeiten vonstattengingen, findet sich im Gemeindearchiv eines der frühesten Farbfilmdokumente aus Schaan.
Im 5. Jahrhundert war Schaan ein religiöses Zentrum von überregionaler Bedeutung. In der damals entstandenen Kirche St. Peter befindet sich eine der ältesten Taufkapellen, ein sogenanntes Baptisterium, des Bistums Chur, dem Liechtenstein bis 1997 angehörte. Die Kirche selbst hatte einen rechteckigen Grundriss und war in beziehungsweise auf den Mauren des Kastells errichtet worden.
Um das Jahr 800 entstanden an St. Peter eine Seitenkapelle mit Altar und ein Korridor, in dem Verstorbene bestattet wurden. Vor der Ostwand im karolingischen Kirchenraum befanden sich drei Hauptaltäre. Möglicherweise symbolisierten sie die Heilige Dreifaltigkeit. In den folgenden Jahrhunderten wurde St. Peter mehrfach um- und ausgebaut. Die heutige, im gotischen Stil errichtete Kirche entstand um die Mitte des 15. Jahrhunderts unter den Landesherren von Brandis. Ob St. Peter vom Dorfbrand 1577 betroffen war, steht nicht fest. Vermutlich hat die Feuersbrunst sich aber auf den nördlichen Dorfteil beschränkt. Renovationen fanden anscheinend dennoch statt. Der für St. Peter zuständige Kirchenpfleger Andreas Schierscher berichtete 1613 von Arbeiten, die in den zehn vorangehenden Jahren durchgeführt worden waren.
Der Zustand war bedenklich
Visitationsakten von 1639/40 belegen, dass das Gebäude komplett gedeckt war, dass der Chorbogen aber Risse aufwies und die Fenster zerbrochen waren. Erwähnt werden in diesen Akten auch ein Turm mit zwei Glocken und ein grosses Holzkreuz in der Nähe des Haupteingangs.
Der ohnehin schon bedenkliche Zustand des Gotteshauses entwickelte sich im 18. Jahrhundert noch zum Schlechteren. 1792 wies der Schaaner Pfarrer Anton Joel Orsi von Reichenberg zusammen mit Vertretern der Gemeinde den Bischof von Chur auf notwendige Reparaturen hin. Die Fenster seien verfallen, das Dach undicht und das Gewölbe einsturzgefährdet.
Fürst Alois I. erfuhr im Zuge dessen ebenfalls von der Situation der Kirche, die sich im Besitz der Landesherren befand. An das Oberamt in Vaduz erging am 30. März 1793 folgende Anweisung aus Wien: «Da Se. Durchl. auf die Bitte Dero Unterthanen zu Schan […] gnädigst zu entschließen geruhet, daß denselben zur Ehre Gottes auf die Reparatur der Landesfürstl. St. Peterskirche allda Ein Hundert Fünfzig Gulden als ein Beytrag aus der Hochfürstl. Rentamt zu Vaduz abgereichet werden sollen. So hat das Oberamt ihren Unterthanen zu Schan, diese Hochfürstl. Gnade sogleich bekannt zu machen.» Die fürstlichen Beamten in Vaduz bekamen noch zwei weitere Aufträge aus Wien: Sie hatten ein Auge darauf zu werfen, dass die Mittel zweckmässig verwendet werden und die Schaaner daran zu erinnern, den Fürsten und das Fürstenhaus als Dank für die Unterstützung in ihre Gebete einzuschliessen.
St. Peter kommt in den Besitz der Gemeinde Schaan
1823 schenkte Landesfürst Johann I. die Kirche der Gemeinde Schaan, die 1829 eine Aussen- und Innenrenovation durchführte. Der Obergassbrand von 1849 beschädigte St. Peter aber erneut, und er wurde anschliessend im neugotischen Stil renoviert – so, wie er von alten Fotografien bekannt ist. Dazu gehörte unter anderem die Bemalung der Westseite, an der sich der Eingang befand. Mehrere Renovierungen und Verzierungen der Kirche folgten Anfang des 20. Jahrhunderts.
Von 1961 bis 1963 erfuhr die Kirche eine erneute Umgestaltung nach einem Konzept von Hans Rheinberger: Die neugotischen Treppengiebel wurden entfernt, genauso wie der Dachreiter, die seitlichen Fialen und die Sgraffitomalerei an der Westfront. Der Kampanile, also der nicht direkt mit dem Kirchenschiff verbundene Turm, wurde neu errichtet und ein eigener Zugang durch diesen von Norden her geschaffen, während der Westeingang geschlossen wurde. Trotz der Neugestaltung handelt es sich bei St. Peter um das einzige erhaltene, gewölbte Laienschiff aus spätgotischer Zeit in Liechtenstein.
Baustellensicherheit sah noch anders aus
Wie die Abbrucharbeiten abgelaufen sind, zeigt ein Film aus den frühen 1960er-Jahren, einer der ersten privat aufgenommenen Farbfilme aus Schaan. Darin ist der alte Eingang genauso zu sehen wie der Durchbruch für den heutigen von der Nordseite her, wo auch schon der im Entstehen begriffene Kampanile zu erkennen ist. Abgelichtet ist ausserdem der alte St. Peter-Brunnen mit der Figur des heiligen Petrus, die seit 2021 wieder auf dem Platz westlich der Kirche steht. Was der Film ebenfalls zeigt, sind einige Schaulustige, zum Beispiel Fabrikant Eugen Hilti, der sich extra vorfahren lässt, oder Detailhändler Otto Pieren, der seinen «Grill» in direkter Nachbarschaft der Kirche hatte und sich gegen Ende der Aufnahmen das Kreuz des abgebrochenen Turms sicherte. Was der Film nicht zeigt, sind besondere Sicherheitsmassnahmen auf der Baustelle oder Maschinen – der Abbruch war eine Hau-Ruck-Aktion im Wortsinn.
Literatur:
- Eggenberger, Peter: Frühmittelalterliche Kirchen. Trennung von weltlicher und geistlicher Herrschaft. In: as. Archäologie Schweiz, Jg. 31, 2008, Nr. 2. S. 62–68.
- Hermann, Cornelia: Die Kunstdenkmäler des Fürstentums Liechtenstein. Neue Ausgabe II. Band 2. Das Oberland. Die Kunstdenkmäler der Schweiz. Bern, 2007.
- Mayr, Ulrike: Quaderer, Rupert; Frommelt, Fabian: Schaan. In: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein. Vaduz, Zürich, 2013. S. 811–825.
- Niederklopfer-Würtinger, Judith: Kapelle St. Peter. In: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein. Vaduz, Zürich, 2013. S. 423.