Wie Schaan zur Liechtensteiner Einkaufshochburg wurde
Einkaufsläden waren in Liechtenstein lange dünn gesäht. Als sie sich schliesslich durchsetzen konnten, waren sie zunächst klein und sehr stark spezialisiert. Ab 1937 war dies sogar vom Gesetzgeber, der Warenhäuser verboten hatte, gewollt. Dieses Verbot fiel 32 Jahre später und sorgte für eine neue Erkenntnis: Supermärkte und spezialisierte Geschäftebe befruchten sich gegenseitig. Ein kurzer Überblick mit einem konkreten Fallbeispiel.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte Liechtenstein einen bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung, ausgelöst durch die erste Industrialisierungswelle. Dies führte auch zu einem langsamen Aufkommen des Handels in einer weitgehend auf Selbstversorgung ausgelegten, landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft. Ein Auszug aus dem Register der Gewerbetreibenden des Jahres 1866 zeigt, dass es in Schaan drei Metzgereien und zwei Handlungen beziehungsweise Krämerläden gab. 1893 erhielt Jakob Falk schliesslich eine Konzession für den Handel mit Gemischtwaren. Einen der wenigen frühen Läden betrieb ausserdem der Konsumverein Mühleholz, der aufgrund seiner genossenschaftlichen Organisationsstruktur einen Spezialfall darstellt. Es handelte sich um ein Warenhaus-Unternehmen im – den Liechtensteiner Verhältnissen entsprechenden – kleinen Stil. Die Statuten regelten, welche Rechte und Pflichten Verwaltungsrat und Verwalter hatten und von welchen Vergünstigungen die Mitglieder profitierten.
Die Geschäfte werden zahlreicher und vielfältiger
Im Verlauf der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts kamen dann aber immer mehr Geschäfte zu den wenigen, die in Schaan bereits im 19. Jahrhundert bestanden hatten, hinzu. So erhielt Maria Mader-Haller zu Beginn des Jahrhunderts eine Konzession für den Handel mit Gemischtwaren, wie aus diversen Zahlbefehlen hervorgeht, die sie ab 1907 beim Landgericht beantragte. 1923 erweiterte sie ihr Angebot um «Haushaltungsgegenstände aller Art» und «landwirtschaftliche Artikel». 1911 zog Marzellino Scalzeri nach und gründete ebenfalls ein Gewerbe zum Handel mit Gemischtwaren, weitere Einwohnerinnen und Einwohner zogen in den 1920er-Jahren nach. Hinzu kamen bis in die 1930er-Jahre Händler für Spirituosen und Brennstoffe, Dünger, Getreide, Vieh, Mehl, Spezerei- und Kolonialwaren, Drogerieprodukte, «Maschinen aller Art», Neuheiten und Erfindungen, Papeterieartikel, Gemüse und Südfrüchte, Tabakwaren, Zierpflanzen, Kolonial- und Eisenwaren, Stoffe, Wein, Most, Ansichtskarten und Souverniers, Sportartikel und Parfümerieartikel. Beruflich zwischen Handel und Gewerbe angesiedelt waren die Schaaner Bäcker und Metzger. Allein vier Bäckereien fanden sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts in Schaan. Hinzu kamen zwei Metzgereien.
Von der Gemischtwarenhandlung zum Modehaus
Was es in Liechtenstein nicht gab, waren Einkaufscenter und Supermärkte. Das war nicht nur den kleinräumigen Verhältnissen geschuldet, sondern auch dem Warenhausverbot, das die Regierung 1937 zum Schutz des Kleinhandels erlassen hatte. Und dieser Schutz war wirksam, wie die Geschichte eines weiteren kleinen Gemischtwarenladens in Schaan zeigt, der im Lauf der Jahrzehnte eine erstaunliche Entwicklung durchlief. Im Mai 1912 gab der Kaufmann Gebhard Frick bekannt, dass er die Handlung von Theodor Jehle an der Landstrasse, direkt südlich des heutigen Rathauses übernommen hat. «Durch vieljährige Tätigkeit in grösseren kaufmännischen Geschäften bin ich in der Lage, den von der geehrten Kundschaft gestellten Erwartungen gerecht werden zu können», verwies er im «Volksblatt» vom 24. Mai 1912 auf seine im Ausland erworbene Berufserfahrung. Sein Sortiment beschrieb Frick mit «Eisen-, Glas-, Porzellan-, Kurz-, Manufaktur- und Spezereiwaren». Um dem heutigen Sprachgebrauch gerecht zu werden, handelte es sich bei Kurzwaren um kleine Gegenstände wie Knöpfe, Zwirne, Nadeln oder Schnallen, die beim Nähen in Gebrauch sind, bei Manufakturwaren sind in diesem Zusammenhang Textilien, die nach Wunsch des Käufers von Ballen heruntergeschnitten wurden, zu verstehen. Bei Spezereiwaren wiederum handelte es sich vor allem um Lebensmittel. Das Sortiment glich also schon dem eines Supermarkts im Kleinformat.
Gebhard Frick starb bereits 1920 im Alter von 50 Jahren, woraufhin seine Witwe Albertina das Geschäft weiterführte. 1923 verlegte sie es auf die gegenüberliegende Strassenseite. Die Neueröffnung bewarb sie am 4. Juli jenes Jahres in den «Oberrheinischen Nachrichten» und verwies in Sachen Sortiment unter anderem auf «Herren- und Knabenhemden […] in allen Grössen, Damenwäsche […], Damen-, Mädchen- und Kinder-Schürzen […]; Woll- und Baumwollstrümpfe in jeder Grösse verschiedener Qualitäten; Taschentücher […]. Ferner Woll- und Baumwollstoffe für Herren- und Damenkleider». Dass Lebensmittel, Glas- und Porzellanwaren nach wie vor Teil des Angebots waren, erwähnte Albertina Frick nur am Rande. Sie führte die Geschicke der Handlungs bis ins hohe Alter, was auch daran lag, dass ihr einziges Kind und potenzielle Nachfolgerin, Tochter Rosalia, bei der Geburt ihrer Tochter Hannelore Schierscher verstorben war. Diese Enkeltochter war es dann auch, die nach einer für die damalige Zeit für junge Frauen fundierten Ausbildung im Alter von 16 Jahren Verantwortung für den Laden übernehmen musste – sofort nach dem Tod von Albertina Frick.
Das Verbot fällt, das erste Einkaufscenter steht
Wie Hannelore Schierscher, ab 1958 verheiratete Frommelt, den Gemischtwarenladen mit Schwerpunkt auf Textilien in den folgenden Jahren und Jahrzehnten zum Modehaus Hannelore machte, berichtet sie selbst in einer weiteren Folge von «Schaa verzellt». Dabei geht sie auch auf ihre Ausbildung ein und darauf, wie sie ihr Ladenlokal in den 1972 eröffneten «Kaufin» übersiedelte, das erste Einkaufszentrum Liechtensteins. Möglich gemachte hatte dessen Bau die Aufhebung des Warenhausverbots im Jahr 1969. Am 10. November 1972, einem Freitag, war es schliesslich so weit. Das «Vaterland» berichtete am Folgetag: «Das ‹Kaufin› Schaan stellt das erste greifbare Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen verschiedenartigen Einzeihandeisbetrieben und Dienstlelstungsunternehmen in unserem Lande dar.» Und weiter mit Bezug auf das Warenhausverbot: «Inzwischen hat sich jedoch weitgehend die Erkenntnis durchgesetzt, dass Ladenzentren und Supermärkte nicht unbedingt kleinere Geschäfte ruinieren, sondern im Gegenteil viele Kunden anlocken, die sonst unter Umständen ihren Bedarf woanders gedeckt hätten. So profitieren beide voneinander.»
Die «beiden» Profiteure waren die Disounter Rheinberger – der mit der ersten Rolltreppe Liechtensteins – und Ospelt, spezialisiert auf Lebensmittel und insbesondere Fleisch, auf der einen Seite. Auf der anderen Seite waren es die Einzelhändler bzw. Dienstleister Schuhaus Risch, Kosmetiksalon Defago, Blumen Ospelt und das Modehaus Hannelore . Hinzu kamen mit dem Café Wanger und der Long John Bar zwei Gastronomiebetriebe. Und schliesslich profitierte nach der Überzeugung von Vorsteher Walter Beck auch die Gemeinde Schaan, wie er in seiner Eröffnungsansprache ausführte: «Ein gesundes, leistungsfähiges Dienstleistungsgewerbe bedeutet für eine Gemeinde sehr viel, setzt gewisse Akzente und trägt dazu bei, den Ort im weiteren Umkreis bekannter zu machen, was wiederum eine Zunahme der Gäste und Befruchtung anderer Gewerbezweige mit sich bringt. Ich möchte abschliessend dem Wunsche Ausdruck geben, dass diesem grossartig konzipierten Einkaufszentrum viel Erfolg beschieden sein möge.»
Titelbild: Gemeindearchiv Schaan, BSg 20/288, Fotograf: Karl Steiger, Schaan
Quellen und Literatur:
- Burgmeier, Markus: Dienstleistungssektor. In: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein. Vaduz, Zürich, 2013. S. 163f.
- Gemeindearchiv Schaan
- Liechtensteiner Vaterland
- Liechtensteiner Volksblatt
- Oberrheinische Nachrichten