Die Franzosen wüten im Kirchspiel Schaan-Vaduz
In der einschlägigen Literatur werden kaum je Kampfhandlungen auf dem Schaaner Siedlungsgebiet geschildert. Sicher nicht ohne Grund, denn für grössere Schlachten fehlen jegliche Hinweise. Kleinere Scharmützel muss es während des zweiten Koalitionskrieges um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert aber gegeben haben – Todesfälle in der Bevölkerung inklusive.
Generell scheinen die Ereignisse rund um die Franzoseneinfälle das Leben der Menschen, vor allem das religiöse der Angehörigen der Pfarrei Schaan inklusive Vaduz, für einige Zeit durcheinandergebracht zu haben. Zuvor war Liechtenstein seit dem Ende des Dreissigjährigen Krieges (1618 bis 1648) nicht mehr von feindlichen Truppen besetzt worden. Das änderte sich am Anfang 1799, als französische Einheiten bei Balzers und Bendern auf liechtensteinisches Gebiet vordrangen. «Nendeln wurde verbrannt, Bendern, Eschen, Mauren und Schellenberg wurden von den Franzosen geplündert, die Kirchenschätze geraubt, Frauen misshandelt, vier Männer aus Mauren und Eschen erschossen», heisst es dazu im Historischen Lexikon des Fürstentums Liechtenstein. Am 25. März 1799 dann konnten reguläre österreichische Truppen und Vorarlberger Landesmilizen die Eindringlinge wieder vertreiben.
Am 13. Juli 1800 besetzen französische Truppen Liechtenstein erneut. An jenem Sonntag starb in Schaan Magdalena Bleichner, zwei Tage nach ihrem 54. Geburtstag. Viel ist über ihr Leben nicht bekannt, das Wenige was zu ihrem Tod überliefert ist, verdankt sie seinen Umständen. Der Pfarrer hielt im Sterberegister das Folgende fest: «Am 13. starb von einer Kugel durchbohrt auf der Stelle Magdalena Bleichner, als Franzosen mit Österreichern mit pfeifenden Gewehren quer durch unser Dorf kämpften. Ihr Leichnam wurde am nächsten Tag bestattet.»
Von «gottlosen Soldaten» über den Haufen geschossen
Das Schicksal von Magdalena Bleichner, das bei ihr ein Unfall durch eine verirrte Kugel gewesen sein könnte, hatte bereits knapp anderthalb Jahre zuvor den 37-jähirgen Alois Strub ereilt. Offenbar war seine Tötung allerdings die böse Absicht eines Soldaten. Der Pfarrer jedenfalls schrieb ins Sterberegister: «Ebenfalls am 24. Februar [1799] starb der ledige Alois Strub aus Vaduz eines gewaltsamen Todes beziehungsweise wurde von einem gottlosen französischen Soldaten mit dem Gewehr über den Haufen geschossen zu der Zeit, als Feldkirch den Franzosen Widerstand leistete.»
Solcherlei und auch alle anderen Todesfälle konnten die Geistlichkeit des Kirchspiels Schaan-Vaduz vor ganz besondere Herausforderungen stellen. Sie zu meistern, erforderte besondere Massnahmen. Das geht aus der Eintragung zu einem Todesfall vom 11. Juli 1800 hervor. Kurz darauf, jedenfalls noch vor der geplanten Bestattung, waren die Franzosen wieder im Land, wie der Fall von Magdalena Bleichner zeigt. Im Sterberegister steht: «Am 11. [Juli 1800] unerwartet tot und geschwind nach katholischem Ritus – als wäre die festgesetzte Frist eingehalten – wurde Andreas Lins aus Vaduz im dortigen Friedhof begraben; dies, weil es aufgrund des Angriffs der Franzosen keine günstige Gelegenheit gab, seinen Leichnam hierher [nach Schaan] zur überführen.»
Zur Erläuterung: Bevor Vaduz eine eigene Pfarrei wurde, wurden die Verstorbenen auf dem Friedhof der Pfarrei in Schaan beigesetzt. Der kleine Friedhof bei der Kapelle St. Florin in Vaduz war der Herrschaft, den Hofkaplänen, den Schlossbediensteten und den Beamten vorbehalten. Auch Vaduzer Bürger sowie weitere Angehörige der Pfarreien Schaan und Triesen konnten dort einen Platz erhalten, aber nur gegen ein ansehnliches Entgelt. Wenn aber die Überführung zu riskant war und das Aufbahren des Leichnams wohl eine Seuchengefahr in sich geborgen hätte, wurden demnach Ausnahmen gemacht. So war es auch bei Kreszentia Boss, die drei Tage nach Andreas Lins, am 14. Juli 1800, verstarb. «Aus Furcht vor den Feinden» wurde sie ebenfalls «in Vaduz der geweihten Erde übergeben».
Bestattung mit militärischem Geleit
In geweihter Erde ruhte Magdalena Bleichner bereits seit fast einem halben Jahr, als sie Gesellschaft durch einen dieser «Feinde» erhielt. «Im Dezember [1800] bestattete Hofkaplan Herr Jakob Konstantin Steiger mit aller Feierlichkeit und militärischem Trauergeleit den französischen Soldaten Pierre Lovardez, Karabinier der 3. Kompagnie der 17. Halbbrigade als Vorhut der L’Armée des Grisons, Katholik aus der Provinz Quercy; das Begräbnis wurde in Anwesenheit zahlreicher Soldaten mit einer Messe abgehalten.» Woran Lovardez verstorben war und wo er sich Krankheit oder Verwundung zugezogen hatte, ist nicht bekannt. Kampfhandlungen hat es in Liechtenstein im Dezember 1800 jedenfalls gemäss der einschlägigen Literatur nicht gegeben. Infrage käme ein Rückmarsch aus der Schlacht bei Hohenlinden in Oberbayern am 3. Dezember 1800, an welcher die Armée des Grisons beteiligt war.
Titelbild: Liechtensteinisches Landesmuseum, Vaduz. Die Votivtafel aus dem Jahr 1796 und damit aus der Zeit des ersten Koalitionskriegs bittet um den Schutz der Gottesmutter Maria in kriegerischen Zeiten und ist zugleich die älteste bildliche Darstellung der Duxkirche. Sie zeigt österreichische Soldaten, bereit zum Artillerieduell mit französischen Truppen.
Quellen und Literatur
- Pfarrarchiv Schaan, Sterberegister, 1695–1803, 361f.
- Hermann, Cornelia: Die Kunstdenkmäler des Fürstentums Liechtenstein. Neue Ausgabe II. Band 2. Das Oberland. Die Kunstdenkmäler der Schweiz. Bern, 2007. S. 229.
