Bezahlbares Wohnen: Der Dialog hat begonnen
Rund 120 Interessierte sind am 14. September in den Kleinen Saal des SAL gekommen, um über bezahlbares Wohnen in Schaan mitzureden. Der Abend machte deutlich, dass dabei über mehr diskutiert wird als über Mieten und Quadratmeter. Hinter der Preisfrage steht eine grössere: Wohin soll sich Schaan entwickeln?
Den Anstoss gab die Bevölkerungsumfrage 2025, bei der bezahlbares Wohnen weit oben auf der Liste der Zukunftsanliegen gelandet ist. Die Gemeinde hätte darauf mit einem einzelnen Vorhaben reagieren können. Sie hat sich aber für den grundsätzlichen Weg entschieden: eine Auslegeordnung, die zeigt, wovon Wohnkosten tatsächlich abhängen, ein durchgerechnetes Beispielquartier und schliesslich das Gespräch mit der Bevölkerung. Durchgespielt wurden die Überlegungen am fiktiven Quartier Kaiserböhel, einem Zukunftslabor auf dem Papier. Es ist kein Bauprojekt, sondern ein Rechen- und Anschauungsmodell dafür, wie einige Hundert Menschen gut und günstig wohnen könnten.
Am Anlass wurde greifbar, weshalb sich dieser Umweg lohnt. Bezahlbares Wohnen ist kein isoliertes Bedürfnis, das sich mit einem einzelnen Beschluss abhaken liesse, sondern ein Gestaltungsraum. Wie eine Gemeinde mit ihrem Boden und ihren Regeln umgeht, prägt, wer im Dorf wohnen kann und was für eine Gemeinde daraus wird. So verstanden, wird günstiger Wohnraum vom Kostenpunkt zum Entwicklungsinstrument.
Fünf Stellschrauben
Luis Hilti vom beauftragten Atelier Gapont führte am Infoabend am 14. September durch die fünf Bereiche, an denen das Beispielquartier ansetzt: Mobilität, Boden, Architektur, Angebot und Fairness. Die Logik ist überall dieselbe: Teuer wird Wohnen dort, wo Flächen und Anlagen bezahlt werden müssen, die kaum jemand braucht. Keiner der Hebel wirkt für sich allein. Erst zusammen machen sie ein Quartier gleichzeitig günstig und gut. Bei der Mobilität beginnt dies mit der Lage. Wo Zentrum und Bushaltestelle in Gehdistanz liegen, funktioniert der Alltag auch ohne zweites Auto, und jeder eingesparte Tiefgaragenplatz entlastet die Miete. Voraussetzung sind gute Alternativen, vom dichten Bustakt bis zum geteilten Auto im Quartier.
Ähnlich direkt wirkt der Boden. Je mehr Wohnungen auf derselben Parzelle Platz finden, desto kleiner wird der Anteil der Bodenkosten an jeder einzelnen Miete, vorausgesetzt, der Freiraum dazwischen bleibt grosszügig und gut nutzbar. In der Architektur gilt «einfach, aber vielfältig»: wenige, wiederholte Wohnungstypen und beispielsweise Fensterlüftung statt Lüftungsanlage. Reduziert wird nicht die Wohnqualität, sondern der Aufwand für das, was die meisten nicht vermissen. Beim Angebot wiederum heisst es «gemeinsam, statt einsam»: Ein zumietbares Joker-Zimmer ersetzt das private Gästezimmer, das die meiste Zeit leer steht, ein Waschsalon die Maschine in jeder Wohnung. Über den Komfort entscheidet nicht, was jemandem gehört, sondern wozu alle Zugang haben.
Die Frage nach der Fairness
Zu reden gab der fünfte Bereich. Fairness bezieht sich auf die Frage, wer das Angebot beanspruchen darf, und wie günstig gebauter Wohnraum günstig bleibt, ohne dass jemand draufzahlt. Erreicht wird dies mit Pflichten für die Bewohnerinnen und Bewohner wie Erstwohnsitz, eine Mindestbelegung pro Schlafzimmer und den Verzicht auf Kurzzeitvermietung. «Nicht Grosszügigkeit hält das Wohnen günstig, sondern Leistung und Gegenleistung im Gleichgewicht», sagte Luis Hilti.
Damit war die Grundsatzfrage des Abends gestellt: bezahlbar für wen? Wer soll in einem solchen Quartier zuerst zum Zug kommen, und was geschieht, wenn sich die Lebensumstände ändern? Fragen dieser Art lassen sich nicht wegrechnen, sie verlangen eine Haltung.
Ein Saal, viele Stimmen
Eröffnet hatte Gemeindevorsteher Daniel Hilti die Veranstaltung mit dem Auftrag, den die Bevölkerung der Gemeinde mit der Umfrage gegeben hat. «Das Schaffen von bezahlbarem Wohnraum ist ein wichtiges Thema, das in Liechtenstein immer wieder aufscheint», sage er. Bei der angesprochenen Umfrage sei es von 50 Prozent der Teilnehmenden genannt worden. «Das hat uns bewogen, wieder einmal genauer hinzuschauen und ein Stimmungsbild abzuholen, um anschliessend, falls der Bedarf vorhanden ist, Schritt für Schritt weiter vorzugehen.»
Zu den einzelnen Kapiteln stimmten die Gäste im Saal per Handy ab, etwa darüber, welche Dichte für Schaan verträglich wäre oder welche Regeln als fair gelten. Am deutlichsten fiel das Votum zur Frage nach den Bedingungen für einen Einzug in bezahlbare Wohnungen aus: Weitgehende Einigkeit herrschte zum Beispiel in den Fragen, dass die künftigen Mieter auf einen Zweiwagen verzichten müssen und dass es sich um ihren Erstwohnsitz handeln muss. Relativ einig waren sich die Gäste im SAL auch, dass die bewohnte Einheit nur so viele Zimmer haben darf, wie die Familie Mitglieder hat. Die Forderung nach einem kompletten Verzicht auf ein eigenes Fahrzeug ging den meisten Teilnehmenden an der Umfrage aber zu weit.
Lebendig verlief auch die anschliessende Frage- und Diskussionsrunde. Im Saal sassen Menschen in ganz unterschiedlichen Wohnsituationen – zur Miete wie im Eigenheim –, und entsprechend breit waren die Anliegen: Energieversorgung, Standortwahl, Bauvorschriften, Unterhalt und einiges mehr beschäftigten die Besucherinnen und Besucher. «Werden sich die Menschen in diesem Quartier dann auch vertragen?», fragte ein Besucher pointiert. Luis Hilti führte aus, das Zusammenleben in vergleichbaren Quartieren zeige, dass dafür klare Regeln unerlässlich seien. Auffällig war, wie es oft um Grundsätzliches ging: Was ist gerecht gegenüber jenen, die heute zu teuer wohnen, und was gegenüber jenen, die ein solches Quartier mittragen, ohne je dort zu wohnen? «Das Thema beschäftigt Menschen weit über Schaan hinaus, doch an diesem Abend bekam es Schaaner Konturen», sagte Luis Hilti.
Die nächsten Schritte
Beim Apéro ging das Gespräch weiter, umrahmt von Modellen und Skizzen aus dem Zukunftslabor. Manche Diskussion, die in der grossen Runde keinen Platz mehr fand, wurde dort im kleinen Kreis fortgesetzt. Die Rückmeldungen werden nun ausgewertet und fliessen in den Abschlussbericht ein, der dem Gemeinderat als Grundlage für die nächsten Schritte dient. Ob und wo aus dem Zukunftslabor eines Tages ein reales Quartier wird, ist damit nicht entschieden. Entschieden ist, dass die Diskussion geführt wird, bevor gebaut wird, und nicht erst danach. Die Grundlagen liegen offen, und die Bevölkerung konnte dazu Stellung nehmen, bevor irgendetwas festgelegt ist. «Schaan wartet nicht, bis der Druck keine Wahl mehr lässt, sondern nutzt den Spielraum, solange er besteht. Die Frage, was für ein Schaan es sein soll, bleibt nach diesem Abend auf dem Tisch. Sie betrifft alle, die im Dorf wohnen oder es gerne möchten. Die Veranstaltung im SAL war ein Anfang», sagte Luis Hilti.
Fotos: Tatjana Schnalzger