Archäologische Funde in Schaan

Pres­se­mit­tei­lung des Hoch­bau­amt / Ar­chäo­lo­gie, Abt. Denk­mal­pfle­ge und Ar­chäo­lo­gie,  vom 16. / 17. Au­gust 2006

Der Bau eines Mehr­fa­mi­li­en­hau­ses in der «Re­be­ra­stras­se» in Scha­an öff­ne­te den Blick weit zu­rück in die Schaaner Ge­schich­te. Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter der Lan­des­ar­chäo­lo­gie do­ku­men­tier­ten im Juli akri­bisch meh­re­re Grä­ber sowie die Über­res­te eines Stein­ge­bäu­des und einer hoch­mit­tel­al­ter­li­chen Grube.

Ar­chäo­lo­gen müs­sen sich immer auf das Un­er­war­te­te ein­stel­len. Dass Fun­der­eig­nis­se weder plan­bar noch vor­aus­seh­bar sind, ver­deut­licht auch das ak­tu­el­le Bei­spiel in Scha­an. Wäh­rend einer rou­ti­ne­mäs­si­gen Kon­trol­le eines Aus­hubs auf einer un­mit­tel­bar ober­halb der Ka­pel­le St. Peter ge­le­ge­nen Bau­stel­le kamen un­ver­hofft Spu­ren aus frü­he­ren Zei­ten zum Vor­schein. Da sich die Re­lik­te am Rand der Bau­gru­be be­fan­den, konn­ten die Bau­ar­bei­ten ohne zeit­li­che Ver­zö­ge­rung par­al­lel zu den so­fort ein­ge­lei­te­ten ar­chäo­lo­gi­schen Un­ter­su­chun­gen fort­ge­führt wer­den. Diese be­schränk­ten sich auf eine elf Meter lange und zwei Meter brei­te Son­dier­flä­che. Waren noch zu Be­ginn le­dig­lich ein Mau­er­stumpf, Holz­koh­le­ver­fär­bun­gen und zwei mensch­li­che Ske­let­te er­kenn­bar, brach­te die Ana­ly­se der 22 m2 Ge­schich­te die ge­mau­er­ten Fun­da­men­te eines einst­wei­len nicht näher be­stimm­ba­ren Ge­bäu­des, eine hoch­mit­tel­al­ter­li­che Grube, min­des­tens sechs Grä­ber sowie einen ur­ge­schicht­li­chen Ho­ri­zont zu Tage.


Spek­ta­ku­lä­res Mit­tel­al­ter

Zu den jüngs­ten Zeug­nis­sen, die im Son­dier­schnitt ent­deckt wor­den sind, ge­hö­ren die sorg­fäl­tig ge­mau­er­ten, ca. 85 cm brei­ten Fun­da­men­te eines Ge­bäu­des, des­sen West­sei­te fehlt. Die Ost­wand war im In­nern 4,75 Meter lang. Meh­re­re gros­se Pfos­ten­lö­cher deu­ten auf einen höl­zer­nen Vor­gän­ger­bau hin. Mög­li­cher­wei­se aus der glei­chen Zeit stammt eine 4 x 2 Meter gros­se Grube. In deren Auf­fül­lung ent­deck­ten die Ar­chäo­lo­gen mit­tel­al­ter­li­che Ke­ra­mik und den Ab­bruch­schutt eines Ka­chel­ofens. Die Funde da­tie­ren in das 12./13. Jahr­hun­dert. Da aus ar­chäo­lo­gi­scher Sicht das mit­tel­al­ter­li­che Scha­an ganz im Ge­gen­satz zum rö­mi­schen bis anhin nur spär­lich do­ku­men­tiert ist, sind diese Ent­de­ckun­gen als gros­se Sen­sa­ti­on zu wer­ten.


Das Dorf­ge­biet als Fried­hof

Nun schon das drit­te Jahr in Folge sind die Ar­chäo­lo­gen im Zen­trum von Scha­an an Orten, an denen sie damit nicht ge­rech­net haben, auf Grä­ber ge­stos­sen. Nach den früh­mit­tel­al­ter­li­chen Be­stat­tun­gen, die «Im Re­ber­le» und «Im Win­kel» ent­deckt wor­den sind, sind nun in der «Re­be­ra­stras­se» sechs Grä­ber mit den Ge­bei­nen eines Neu­ge­bo­re­nen, zwei­er Kin­der und drei­er Er­wach­se­ner frei­ge­legt wor­den. Wäh­rend das un­ters­te und damit wahr­schein­lich auch äl­tes­te Ske­lett mit dem Kopf im Wes­ten und den Bei­nen im Osten im Grab lag, waren die rest­li­chen fünf in Rich­tung Nord-Süd oder Süd-Nord ori­en­tiert. Die Rän­der der Grab­gru­ben waren sorg­fäl­tig mit Stei­nen aus­ge­klei­det. Da die Be­stat­te­ten keine Bei­ga­ben bei sich hat­ten, ist es zum jet­zi­gen Zeit­punkt nicht mög­lich, den Be­fund zeit­lich ein­zu­ord­nen. Die Ge­bei­ne sind aber ein­deu­tig älter als das Ge­bäu­de und die Grube. Die Nähe zum rö­mi­schen Kas­tell und zur früh­christ­li­chen Kir­che St. Peter (nur ca. 80 Meter ent­fernt), die Stein­ein­fas­sun­gen der Grab­gru­ben und das Feh­len von Bei­ga­ben las­sen den Schluss zu, dass hier An­ge­hö­ri­ge der ro­ma­ni­schen Be­völ­ke­rung ihre letz­te Ru­he­stät­te ge­fun­den haben.


... und die Ur­ge­schich­te zum Schluss

Wäh­rend der Not­gra­bung sind in den Gra­bein­fül­lun­gen immer wie­der ver­ein­zelt ur­ge­schicht­li­che Scher­ben zum Vor­schein ge­kom­men. Erst nach dem Ber­gen der Ske­let­te stell­te sich her­aus, dass diese Ke­ra­mik­frag­men­te aus einer Schicht stam­men, die sich unter allen Grä­bern und Gru­ben be­fand. Die Mach­art der Scher­ben lässt eine Da­tie­rung in die Jung­stein­zeit oder Bron­ze­zeit zu (4.-2. Jahr­tau­send v. Chr.). Auf Schaaner Ge­mein­de­ge­biet sind nur we­ni­ge Fund­ge­gen­stän­de die­ser Zeit­stel­lung be­kannt: Frag­men­te von Ke­ra­mik- und Bron­ze­ge­fäs­sen vom «Krüp­pel» sowie Ton­scher­ben und ein Bron­ze­dolch aus dem Kas­tel­lare­al. Mit den neuen Fun­den schliesst sich somit eine wei­te­re Wis­sens­lü­cke in der Sied­lungs­ge­schich­te von Scha­an.


Mel­de­pflicht

Das ak­tu­el­le Fun­der­eig­nis in Scha­an ver­deut­licht er­neut ein­drück­lich, dass sich aus we­ni­gen In­di­zi­en ein immer ge­naue­res Bild von der ge­schicht­li­chen Ent­wick­lung einer Ge­mein­de ent­wi­ckeln kann. Auf­grund des Denk­mal­schutz­ge­set­zes von 1977 be­steht die Mel­de­pflicht für kul­tur­ge­schicht­li­che Re­lik­te. Ar­chäo­lo­gen auf der Bau­stel­le be­deu­ten nicht zwin­gend einen Bau­stopp. Die Lan­des­ar­chäo­lo­gie ist - wie auch im vor­lie­gen­den Fall - be­strebt, die Ar­bei­ten op­ti­mal auf­ein­an­der ab­zu­stim­men, um Ver­zö­ge­run­gen nach Mög­lich­keit ganz zu ver­mei­den oder zu­min­dest ge­ring zu hal­ten. Ohne ent­spre­chen­de Hin­wei­se sei­tens der Bau­un­ter­neh­men und Bau­herr­schaf­ten geht be­deu­ten­des Kul­tur­gut un­wie­der­bring­lich ver­lo­ren
 

Kon­takt­adres­se bei Bo­den­fun­den 

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Vor­sich­ti­ges Frei­le­gen der weib­li­chen Be­stat­tung in Grab 7 im Juli 2006 durch einen Mit­ar­bei­ter der Lan­des­ar­chäo­lo­gie (Bild Lan­des­ar­chäo­lo­gie)

 

Ab­bruch­schutt eines Ka­chel­ofens: Die bei­den Be­cher­ka­cheln mit Lehm­frag­men­ten da­tie­ren in das 12./13. Jahr­hun­dert (Bild Liech­ten­stei­ni­sches Lan­des­mu­se­um)